Irgendwann kommt alles raus. Sogar unser Kind.

Genau: Der Geburtstermin war sang- und klanglos verstrichen, Frieda, die Hebamme sagte „Gemach!“ und die Hitze „Mirdochegal“. Aber am 05.08. um 5 Uhr früh war es dann soweit. Rosina Klara Hilde Marie (Namenskommentare immer im Rahmen der Netiquette, denn wir haben uns schon rechtfertigen müssen…) sollte endlich mehr sehen als Mamas Bauch. Deshalb wurde die Geburt, wie schon in meinem letzten Post angekündigt, am Samstag eingeleitet und das Geheimnis um Meikes runde Kugel gelüftet. Darin verborgen: Das süßeste kleine Mädchen der Welt.

Die Einleitung:

Wie hatte das alles begonnen? Warum haben wir bzw. Rosina so überzogen? Immerhin wollten wir es von Anfang an anders machen. Vielleicht erinnert ihr euch noch an meinen Beitrag zum Thema Heublumen? Damit fing Meike schon zwei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin an. Wir haben es dann auch noch mit Himbeerblättern, Rhizinusöl und Akupunktur versucht. Bei den Versuchen ist es geblieben. Wissenschaftlich belegt sind all diese Maßnahmen eh nicht. Und wir haben uns auch nicht darauf verlassen. Hausbesuche von Frieda waren an der Tagesordnung und auch die Frauenärztin wurde nochmal aufgesucht und ein CTG gemacht, was unauffällig war. Am Freitag allerdings war Frieda wieder bei uns, kam ziemlich keuchend die Treppe hoch und stellte erstmal ihre Füße in unseren Eiswürfelbottich. Danach inspizierte Spionin, äh, Hebamme Frieda die Kugel – mit erfahrenen Händen und Hörrohr – und stellte fest: Es ist genug. Die Kleene muss raus. Denn „die Kleene“ war groß. Mit 4.520 Gramm eines der größten Babies, das in Friedrichshain, zumindest unter den Mädchen, seit längerem geboren wurde. Und dabei ist sie nicht besonders lang, nur 50 cm, auf die sich jetzt ziemlich viel Speck verteilen. Ein Wunder.

Natürlich geht es auch künstlich

Als wir am Samstag nicht ins Geburtshaus, sondern ins Krankenhaus fuhren, war uns beiden etwas mulmig zumute und Meike versuchte (so gut es ging) gelassen zu bleiben. Ihre Angst vor künstlichen Wehen, die am Ende vielleicht eine spontane Geburt gefährden könnten, stand ihr ins Gesicht geschrieben. Aber Frieda lief uns entgegen, wieder mal keuchend, und machte ihr liebevoll-ruppiges Papperlapapp. Ihr ist vieles schnell zu esoterisch und dieses natürliche Gebären, das solle man, so Frieda, nicht als den einzig wahren Weg idealisieren. Letztlich, habe ich mir dann Mut zugesprochen (und natürlich auch Meike), ist eine Geburtseinleitung weder selten noch außergewöhnlich noch irgendwie verdächtig. Von wegen top secret. 😉

Wolken im August

Wolken im August, wehen.

Meike kam also an den Wehentropf und das Hormon Prostanglandin wurde ihr durch die Armvene zugeführt. Klingt alles sehr technisch und unaufgeregt? War es erstmal auch. Frieda hat dafür gesorgt. Und Frieda, die gegen alles Esoterische ist, war dann auch entschieden gegen die Amniotomie, die uns vorgeschlagen wurde. Manchmal kann dadurch die Geburt in Gang gesetzt werden, wenn die Fruchtwasserhülle um das Baby vorsichtig mit einem Finger von der Gebärmutterwand gelöst wird. Dieser Vorgang nennt sich auch Lösung des unteren Eipols. Für Frieda ein gewaltsamer Vorgang, der dann zum Glück, wie auch ein Kaiserschnitt, nicht nötig wurde.

Wolken, Wehen, Warten…

Lange warten mussten wir allerdings und Meike zeigte in dieser Zeit einen bemerkenswerten Appetit auf alles, was ich aus der Kantine heran schleppen konnte… Ich selber brachte keinen Bissen runter. Bis zur vollständigen Eröffnung des Muttermundes vergingen Stunden. Es gab wehenfreie Zeiten, in denen wir alle drei nur in die Sommerluft schauten. Da war es dann sehr still, auch wenn man durch das offene Fenster die Geräuschkulisse des Krankenhauses hörte. Es war die Art von Stille, die glücklich macht und ganz ruhig. Ich fühlte noch einmal mehr die Freude auf unser Kind, die Freude auf alles, was kommt. Trotz allen Wartens verflog die Ungeduld. Es gab keine Hast mehr. Danke, Frieda.

Bis unsere Tochter auf der Welt war, sollte ein neuer Tag anbrechen. Die letzten zwei Stunden erinnere ich nur noch als Taumel. Ich war überfordert. Ich gebe es zu. Die unglaubliche Ruhe der ersten Stunden nach Beginn der Einleitung, hielt leider nicht bis zum Schluss an. Ich war froh, dass ich keine Trommel dabei hatte. Aber die hätte ich eh dezent irgendwo im Schrank versteckt oder Frieda hätte sie mir, keuchender denn je, entwendet. Trommeln zur Beruhigung, für den optimalen Groove zum Pressen? Völlig deplaziert und hält keiner Realitätsüberprüfung stand. Dafür kniff und biss Meike mir zwischenzeitlich so sehr in die Hand, dass ich verarztet werden musste und hätte ich sie gefragt, ob ich trommeln soll, hätte sie mir die Hand womöglich ganz abgebissen. Zu Recht.

Wenig Lärm um viel!

Um 05:02 Uhr war Rosina auf der Welt. Sie war verklebt, erschöpft, ein bisschen blau und irgendwie auch zu müde für mehr als ein Quäken und Krächzen. Wir haben sie ausgiebig bewundert und dann bin ich im Stehen eingeschlafen. So muss es wohl gewesen sein, denn hier macht man sich darüber ziemlich lustig … mit viel Freundlichkeit dabei. Es waren fast 24 Stunden, die ich, in einer nicht gerade alltäglichen Situation, auf den Beinen war. Meike wirkt bereits heute schon wieder recht fit. Vielleicht liegt das aber auch an ihrem Dauerlächeln. Ich habe sie noch nie so gesehen. Und es kann genau das sein: ICH habe sie noch nie so gesehen. Ich sehe sie anders. Denn nicht nur sie scheint auf wundersame Weise verändert. Auch ich bin es. Und das lässt mich anders wahrnehmen. Ein bisschen wie durch einen Schleier, als wandle ich auf Watte oder wäre unter Wasser. Ich kann nur jeden dritten Satz zur Hälfte verstehen. Es rauscht in meinem Kopf. Alle Worte kommen von weither. Aber keine Sorge: Ich tauche langsam auf in unserem neuen Leben. Ich werde wach.

Wach auf, Tim!

Wach geworden bin ich sofort konfrontiert mit Rosinas Leistenbruch. Das ist, so der Kinderarzt, nichts, was sofort operiert werden muss und außerdem ein Routineeingriff, aber natürlich sind wir besorgt. Man hat uns gesagt, dass ein Leistenbruch gar nicht so selten ist und meistens erblich vorbelastet. Das auch ich so auf die Welt kam, habe ich erst jetzt von meiner Mutter erfahren… Aha! Unserer Hebamme ist die Ausbuchtung in der Leiste sofort aufgefallen. Es handelt sich um einen sogenannten Bruchsack, bei dem Baucheingeweide wie Dünndarm oder Fettgewebe durch eine Öffnung in die Leiste vordringen kann.

Hernien (der lateinische Ausdruck für Leistenbrüche) sind besonders dann gefährlich, wenn ein Teil des Darms eingeklemmt wird und nicht in den Baumraum zurück kann. Dann besteht die Gefahr einer Unterbrechung der Blutzufuhr. Dies ist bei Rosina nicht der Fall. Es ist aber wichtig zu operieren, da langfristig eine Schädigung der Fortpflanzungsorgane möglich ist. Da dies unter Vollnarkose geschieht, will die Klinik warten. Bei einer Vollnarkose in den ersten drei Lebensmonaten steigt die Wahrscheinlichkeit, dass diese SIDS auslöst (Sudden Infant Death Snydrom), also plötzlichen Kindstod.

Ich versuche so vernünftig und ruhig wie möglich darüber zu schreiben. Frieda nickt mir zu und weiß, dass eine Leisten-OP mittlerweile auch minimal-invasiv durchgeführt werden kann, so dass keine Narbenbildung entsteht. Wir leben in Zeiten, in denen fast alles möglich ist. Es können leider nur sehr wenige davon profitieren. Wir haben den Luxus abzuwägen, welche Möglichkeiten für uns die individuell besten sind. Dabei hilft uns der Kinderarzt hier in der Klinik und wird das in Zukunft das MVZ in der Fröbelstrasse übernehmen. Gut, dass wir so gut versorgt sind.

Auf bald, Blogfreunde und Väter wie ihr UND ICH!

Jetzt noch etwas, was ich euch nicht vorenthalten will, wenn schon die Bilder vom Geburtstag unserer Tochter tatsächlich top secret sind bzw. ich bewusst darauf verzichte: Die Geburt, wie andere sie erlebten… Wunderschön und doch ganz weit weg von dem, was ich noch immer wie in Trance fühle und vor mir sehe: Das kleine Bündel Kind, gerade geschlüpft, würde Max-Ludwig sagen. Ich verabschiede mich jetzt für ein paar Tage, werde aber sicher Zeit finden für das Interview mit dem Kinderarzt, der Rosinas Leistenbruch behandelt und der mit mir bereit ist, über das Für und Wider des Impfens zu sprechen. Ich bin gespannt. Auf alles. Aber das wisst ihr ja schon. Euer Vaternunwirklichvater Tim.

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Hehe! Mein Name ist Tim, 32, Bio- und Chemielehrer mit Freude und außerdem seit 6 Jahren hocherfreut über meine Partnerin Meike, die ...

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