Hilfe, wir müssen unser Kind überwachen!

Liebe Väter, Mütter, erwachsene Kinder! Es ist mir ein echtes und deshalb auch so dringendes Anliegen, über das Thema Sicherheit zu schreiben. Schließlich bin ich nicht erst seit ein paar Wochen Vater, sondern lebe seit 18 Jahren mit der Klinge am Hals. Krasser Ausdruck vielleicht, aber doch mein ehrliches Gefühl. Nämlich, dass man immer in Sorge ist. Immer. Und dass das Leben abhängig ist vom Leben und Wohlergehen deines Kindes und andersherum. Das ist schön und schrecklich zugleich.

Meinen Sohn, den ich nicht habe aufwachsen sehen, der hatte meine winzige Tochter bereits in der Klinik auf dem Arm und freute sich riesig. Seine türkische Freundin hat Leonie Ohrringe geschenkt, die sie irgendwann einmal tragen wird, wenn es Zeit für Ohrlöcher ist. Da werden in der türkischen Community wahrscheinlich schneller Ohren mit Löchern gemacht… 😉 Wir Deutschen lesen erst noch in 10 Ratgebern, fragen 3 Kinderärzte und den TÜV. Ich frage mich: Geht´s auch anders, mit einer Art Mischkalkulation?

Wo die Sicherheit wohnt

Leonie-Sofie wurde überwacht – bis vor 10 Tagen, da ist sie sicher bei uns zuhause angekommen. Im Auto von Mellies Papa, dem frischgebackenen superstolzen Opa, der leider nur Schritttempo fuhr, so dass es ein Gehupe gab und Leonie brüllte. Ach ja, Schwiegereltern… Besonders der Schwiegervater, der fragt jetzt dauernd: Ist das denn richtig so? Sollte sie nicht, müsste sie nicht, habt ihr denn, ist das wirklich sicher?

Leonie geht es prächtig: Sie trinkt und wächst und nimmt zu. Sie wird ein richtiger Wonneproppen, ist nicht mehr gelb sondern rosig und hat tatsächlich schon gelächelt. Das ging direkt in mein Herz und hat mir Sicherheit gegeben. Da war ich als Papa richtig angekommen. Endgültig. Die Angst wurde noch einmal weniger und ich schlummerte ganz ruhig neben Mellie und Leonie ein. Einmal bin ich wach geworden, da haben die Mädels beide leise geschnarcht… Das sind die Momente, die ich mir für Zeiten merke, in denen ich mich mal nicht so fühle wie jetzt: sicher.

Wir stecken unter einer Decke

Einen geschüzteren Ort als unser Familienbett (Anzeige) gibt es

Allerliebst: So wie meine beiden Schmusekätzchen.

nicht. Mehr Geborgenheit kann ich mir nicht vorstellen. Weder für meine Tochter noch für mich. Diesen Ort habe ich geschaffen, den kann ich immer anbieten, zusammen mit Leonies Mutter. Der steht nicht in Frage. Wir werden ihr diesen Ort erhalten, auch wenn wir mal kein Glück haben sollten. Es kann immer sein, dass etwas auseinanderbricht oder etwas eintritt, womit niemand gerechnet hat. Es gibt eben keine absolute Sicherheit. Den Satz sagen viele, aber danach handeln tut kaum einer. Die meisten versuchen sich doch an allen Ecken abzusichern und manchmal sogar abzuschotten. Aber Angst, das habe ich in den letzten Wochen verstanden, ist der falsche Weg. Es braucht Mut und immer wieder Gelassenheit.

Der Ort der Sicherheit ist gerade unser Familienbett. Das ist das Ur-Nest, gleich nach dem Mutterbauch. Das Ur-Nest soll ein Teil von Leonie werden. Das darf niemand in Frage stellen, auch wenn es real nicht mehr verfügbar ist. Das lasse ich nicht zu, dass Leonie aus ihrem Ur-Nest fällt. Sie kann flügge werden, aber ihr Nestchen der Sicherheit, das soll sie immer in sich tragen. Und ich weiß, was ich sage, denn ich habe schon einmal zugelassen, dass ein Kind flügge wird und es hatte kein Nest, an dass es denken konnte, wenn es einmal schutzlos war. Das macht mich traurig. Auch wenn es dann Menschen gab, die versucht haben, ihm dieses Nest zu ersetzen. Ich werde dieser Familie ein Leben lang dankbar sein. Sie werden uns bald besuchen.

Eine Geschichte ohne Nest und doppelten Boden

Als ich damals, mit 20, zum ersten Mal Vater wurde, da war ich überfordert und meine damalige Partnerin auch. Wir haben es nicht geschafft. Unser Kind wurde nicht bei uns, sondern bei Pflegeeltern groß und erst vor ein paar Jahren es uns gelungen, auch der Mutter, wieder den Kontakt aufzunehmen und ein bisschen von dem nachzuholen und zu geben, was damals nicht möglich war. Er ist ein toller junger Mann geworden, der wie ich gerne Mützen trägt, viel lacht, Sport macht und eine Ausbildung zum Erzieher in einer Montessori-Kita. Seine Freundin ist seine ganz große Liebe und ich freue mich jetzt schon auf die deutsch-türkische Hochzeit mit allen Schikanen, sehr viel Essen und sehr viel Tanz. Mashalla!

Ich habe manchmal nicht daran glaubt, dass wir eines Tages wieder so vereint sein würden. Mellie schon. Sie hat mich sehr dabei unterstützt, den Kontakt wiederaufzunehmen, zusammen mit seiner Mutter, die nicht mehr in Berlin lebt und noch zwei weitere Kinder bekommen hat, die aber auch schon in der Grundschule sind.

Meine Geschichte hat mir eines gezeigt: Es gibt keine Sicherheit, aber Dinge, die man verändern kann. Daran habe ich hart gearbeitet. Das ist die Sicherheit, auf die ich setze: dass man an sich arbeiten kann. Ich habe zum Beispiel die Gartenarbeit für mich entdeckt und es hat mir Freude gemacht, Pflanzen zu hegen, zu pflegen und sie wachsen zu sehen. Ich finde, das hat mich alles sehr gut vorbereitet für diesen zweiten Papa-Anlauf. Ich bin, wie sagt man, ziemlich geläutert und ich will ehrlich mit mir sein.

Ich will auch keine Angst mehr haben. Auch nicht vor dem plötzlichen Kindstod und ich will keine seltsamen Matten mit Alarmfunktion in Leonies Bettchen platzieren, nur weil Leonie vier Wochen zu früh war… Sie schläft in ihrem Schlafsack, kein Kuscheltier und sonstiges Plümo nehmen ihr den Atem. Und ich rauche sowieso nur auf dem Balkon. Und vielleicht höre ich auch ganz damit auf. Ich will vertrauen.

Abi mit 13 oder was?

Ich will vertrauen, statt hinter jeder Ecke einen zu vermuten, der es auf meine Familie abgesehen hat. Ich will auch nicht schon alles für die Schulkarriere im ersten Kita-Jahr tun, Leonie im mehrsprachigen Kindergarten Saltos machen lassen, damit sie dann entsprechend geschmeidig in ihre Karriere mit vorgezogenem Abi, so mit 13, durchstarten kann. Irgendwie hört sich das bei vielen so an. Wenn ich durch Pankow laufe, bekomme ich das manchmal mit. Aber die Zeiten des Bashings von Eltern in dieser Gegend (oder Prenzlauer Berg), die sind ja eigentlich vorbei, oder wie? Spießer werden wir halt alle. 😉

Dieses Wort „Helikopter-Eltern“, das nervt mich übrigens total, obwohl ich genau so nicht werden will. Aber wer will das schon? Es gibt dieses Phänomen natürlich, aber irgendwie stört was daran. Es klingt so abwertend in meinen Ohren. Ich meine, wenn sich Eltern so sorgen, dann sollte man die Sorge doch bitte Ernst nehmen. Ich habe nicht viel Ahnung von Psychologie, Soziologie etc.,  aber ich bin mir SICHER, dass niemand in seiner Sorge lächerlich gemacht werden möchte, auch wenn es um Eltern geht, die sich extrem sorgen.

Manchmal muss man auch den Heli nehmen…

Diese Eltern glauben wahrscheinlich wirklich, dass ihr Kind ohne bestimmte und sehr frühe Maßnahmen ein gnadenloser Verlierer wird. Die sehen das Kind schon geächtet von der Gesellschaft und können nachts nicht mehr schlafen. Die können sich gar keinen anderen Lebensweg vorstellen als den, den sie selber gegangen sind. Der soll jetzt nur noch perfekter laufen. Irgendwie tun mir diese Eltern leid. Die sind in Panik. Bisschen so wie Max-Ludwig, der ist auch so ein Kandidat, aber zum Glück hat er uns…;) und eine Stine, die ihm hoffentlich zeigt, worauf es ankommt. Vielleicht krempelt der Richard ihn auch um. Allerdings: Verkehrt ist der Max nicht…

Puh! Da macht selbst die Gießkanne schlapp. 34 Grad und es wird noch heißer…

… nur schnell eingeschüchtert vom Leben, obwohl er ziemlich hoch oben thront. Oder gerade deshalb. Verzeih mir Max, aber das ist unser Blog… Ich darf das.

Ich würde vorschlagen, sich gegenseitig den Druck zu nehmen, mal zu entspannen und mit denen zu reden, die wirklich erlebt haben, was es heißt, alle Sicherheiten zu verlieren. Ich glaube, die Relationen stimmen da manchmal nicht mehr. Ich bin gerne der, der hier mal wieder was zurechtrückt. Dafür würde ich sogar den Heli nehmen: damit meine Message sicher ankommt. Das wünsche ich mir. Ich will es gut machen und daran glauben, dass ich es gut machen kann. Dafür muss ich nicht überbehüten. Davor muss ich mich sogar hüten. Aber das richtige Maß zu finden ist nicht leicht.

Ich sag´s jetzt nochmal, mit so einem Bild, bei dem ihr jetzt vielleicht den Hitzschlag kriegt … also wem das zu dicke ist, der kann ja schon mal hier aufhören zu lesen oder sich ein paar Eiswürfel holen… Ich will Leonie begleiten auf ihrem Weg, ihre eigenen Schritte zu machen. Ich will ihr nicht im Weg stehen, ich will ihr die Steine, die zu schwer sind, aus dem Weg räumen und ihr helfen, die Steine, die sie selber tragen kann, in die Hand zu nehmen. Darauf freue ich mich. Ich freue mich so, dass ich erstmal in den Garten gehen werde, um zu gießen. Wasser brauchen wir nämlich alle heute – mit Sicherheit. Krass, Euer Kalle.

 

 

 

 

 

 

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Hi, ich bin Kalle, 38, immer auf meinem Bike der Welt zu Diensten und zusammen mit Mellie, der besten Frau der Welt, die nicht nur meine komischen Haare schneidet.

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