Typisch Berlin: Die erste Streetfahrt mit Kind

Es war soweit: Der erste Babywalk stand an (wir haben mal wieder kein Foto für euch). Elf Tage nach der Geburt haben wir Tasche, Tragetuch und Kind geschnappt und sind vor die Tür, mitten in den Kiez von Pankow. Zugegeben: Eine richtige Streetfahrt war das nicht. Wir waren zwar Strassenluft schnuppern, aber ohne Kinderwagen, der über das Pflaster rappelt. Der kommt erst noch… Die Hitze war erträglicher als letzte Woche und deshalb war es DIE Gelegenheit, um erste Dinge zu tun. Die passieren zwar die ganze Zeit, aber der erste Spaziergang mit Kind durch die eigene Strasse, das ist doch ein Höhepunkt. Im Treppenhaus ging es bereits los. Die Nachbarn, als hätten sie hinter der Haustür gelauert, stürzten hervor und riefen: „Nein, sowas, ist es schon da?“

Schon? Dann geschah etwas, was sich wohl noch häufig wiederholen wird, zumindest deutet es sich an: Die Erzählung der Geburt. Immer angepasst an das Gegenüber und je nachdem wie vertraut uns derjenige ist, plaudern wir seitdem bereitwillig aus dem Geburtskästchen. Beim ersten Mal vor zwei Tagen schlummerte Rosina an Meikes Brust im Tragetuch. Es war nicht viel von unserer Kleinen zu sehen, nur ein Umriss im Tuch und das gehäkelte Sommermützchen von Oma Hilde. Die kommt übrigens demnächst vorbei. Das wird sicher lustig und ist einen eigenen Beitrag wert.

Stolz wie Tim

Pankow Fluglärm

Typisch Pankow: Riesenvögel, die sich nicht um die Anwohner scheren.

Ihr habt es vielleicht gemerkt:: Wir sind ziemlich stolz. Deshalb freuen wir uns sogar, wenn die Nachbarn hinter der Haustür „lauern“. Viele wollen auch kleine Geschenke überreichen. Ein paar Leuten war ich ja schon vorher kurz im Treppenhaus begegnet, aber es ist doch etwas ganz anderes, wenn das Kind dabei ist und alle versuchen einen Blick zu erhaschen. Auf der Strasse blieb es dann spannend. Wen würden wir treffen? Was sagt der Bäcker an der Ecke? Was die Frau vom Kiosk? Ich spürte, wie ich mich auf ihre Freude freute und auf die großen Augen. Ich ging durch unsere Strasse und war jetzt – zu dritt…

Alles wie immer, alles anders

Ein großer Vogel zwitscherte gerade ohrenbetäubend, als mir klar wurde: Die verrotzten Taschentücher lagen noch immer neben den Mülleimern, die Hunde kackten noch immer auf die Strassen und die Besitzer wirkten noch immer so souverän im Umgang mit ihren Beutelchen, mit denen sie die Hinterlassenschaft ihres Haustieres auflasen. Respect! Im Berghain wurde immer noch getanzt, in der Schule wurden immer noch Handies im Unterricht einkassiert und der Fernsehturm war gerade nicht zu sehen. Aber er war natürlich da. Ach, mein Berlin!

Ich wunderte mich, dass nicht irgendwas wirklich anders war und dachte das, was wahrscheinlich jeder, wenn er gerade Vater (oder Mutter) geworden ist. Oder denkt es zumindest so ähnlich. Man könnte es also einfach weglassen. Mache ich aber nicht. Ich dachte es zum ersten Mal: Die, Bäume standen schon immer hier. Doch noch nie sind wir mit Rosina darunter spazieren gegangen. Nicht an der Eisdiele vorbei, nicht an der Feuerwache oder dem keifenden alten Mann, der immer aus dem Fenster „Ihr seid alle Verbrecher“ brüllt und dazu laut „Ein bisschen Frieden“ hört, auch nicht an der Schneiderei mit dem Schild vor der Tür, auf dem manches sehr lustig geschrieben ist (zum Beispiel: „Wir maßen alles an…“) und schon gar nicht am Netto.

Erste Erfahrungen mit einer Bank

Netto… Passt. Denn knapp einen Kilometer entfernt von unserer Homebase, musste eine Bank her. Zum Sitzen, nicht zum Abheben. Denn Rosina fing an zu krächzen und brauchte – Milch. Wir Glückspilze entdeckten auch sofort eine Bank, die wir vorher noch nie richtig wahrgenommen hatten, obwohl wir hier seit Jahren wohnen. Die Bank war milchweiß, also fast, und es war niemand in der Nähe, der Mutter und Kind stören konnte. Manche Menschen, habe ich schon bei Freunden erlebt, finden es wiederum auch störend, wenn eine Mutter ihr Kind in der Öffentlichkeit stillt. Das ist wirklich seltsam. Vorsichtig gesprochen. Niemand hat gesagt, dass man komplett entblösst stillen muss, aber sich schamhaft zurückzuziehen mit einem hungrigen Säugling, nur weil dies die angebliche Moral von Passanten irritiert, fällt mir schwer nachzuvollziehen.

Meike stillt diskret, weil es auch kaum in ihrem Sinne ist, sich und unser Kind den Blicken preiszugeben. Es war das erste Mal „Stillen unter freiem Himmel“ und alles war friedlich. Bis ich neben Rosinas Schmatzen ein Knurren hörte. Meikes Magen. Stillende Mütter verbrauchen deutlich mehr Kalorien. Bis zu 700 zusätzliche Kalorien pro Tag können da verputzt werden. Oder auch mehr. Ein guter Grund, dass ich mir Tragetuch mit Kind umwickelte (klappt noch nicht so gut) und wir uns auf dem schnellsten Wege dorthin begaben, wo nicht nur Mini-Menschen satt werden.

Wo steht diese Bank in Pankow?

Milchmädchenrechnungen, die aufgehen

Nicht weit von uns, bekommt man alles, was einen schönen Nachmittag noch schöner macht. Die Milch ist aber auch hier ein wichtiges Thema und steckt sogar im Namen. Das Milchmanns ist eines meiner Lieblingscafés in Pankow. Es taugt zum Wohnzimmer und Reden an langen Tischen, macht Freude beim Frühstücken oder Brunch, für ein Kaffeetrinken mit den Verwandten und mit allen anderen sowieso. Jetzt auch mit Rosina.

Rosina schlummerte wieder, wir schlürften und aßen und wussten wenig zu sagen. Aber nur deshalb, weil es ein besonderer Moment war: Das erste Mal mit unserem Kind vor der Tür. Draußen. In der Welt. Noch ganz am Anfang. Es war noch einmal wie Ankommen in diesem neuen Leben und jeder, der uns zeigte, wie willkommen unser Kind ist, rührte uns so sehr, dass wir ihn am liebsten zu uns nach Hause eingeladen hätten. Zum Glück haben wir das nicht gemacht. Nicht, weil wir eigentlich doch keine Menschen mögen, sondern weil wir erst seit unfassbaren dreizehn Tagen Eltern sind … und eben doch oft sehr müde.

Auf die Windeln, fertig, gruseln!

Nach dem Besuch im Milchmanns brachen wir auf, zufrieden, satt, wohlig. Und müde. Wir waren bereit für den Windelwechsel, der zuhause am schönsten ist. Was unter anderem an der fantastischen Wickelkommode liegt, die ich mit Kalle gebaut habe… Zuhause haben wir dann doppelt von Kalle profitiert: Nicht nur von seinen handwerklichen Fähigkeiten, sondern auch von seinen Filmtipps. Ein bisschen gepflegtes Gruseln zu zweit. Schließlich kommt bald der Herbst und dann Halloween. Ich bin zwar kein Fan davon, aber ich mag es, wenn man den Herbst riechen kann und ich zum ersten Mal den Kachelofen anmachen darf… Ich würde mich sehr freuen zu erfahren, wie ihr dieses erste Mal „mit dem Kind vor der Tür“, empfunden habt. Ob das für euch etwas ganz Besonderes war oder welche anderen Momente für euch zählen. Für mich war es ein Tag mit unserem Milchmädchen, an dem einfach alles stimmte. Wie immer euer Tim.

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Hehe! Mein Name ist Tim, 32, Bio- und Chemielehrer mit Freude und außerdem seit 6 Jahren hocherfreut über meine Partnerin Meike, die ...

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