Wie schwer ist Langeweile?

Lieber hören als lesen? Dann hier entlang.

„Mir ist sooooo langweilig!“ Schon mal diesen Satz gehört oder selber gesagt? Klar, habt ihr das. Denn Langeweile gehört zum Leben dazu wie Schweißfüße zum Sommer. Nicht der optimale Vergleich, aber leider hat ja auch keiner so eine hohe Meinung von der guten alten Langeweile. Dabei ist sie ein wichtiger Motor für die Kreativität. Wer immer nur nach Ablenkung sucht, wird wenig Gelegenheit haben, sich etwas vorzustellen – einfach so, vor lauter Langeweile. Langeweile kurbelt die Phantasie an und plötzlich, oh Wunder, ist einem gar nicht mehr langweilig.

Für eine Generation von Kids, die mit dem Smartphone in der Hand zur Welt gekommen ist, denen Gaming mehr sagt als Zähneputzen (aber das war wohl schon in anderen Generationen so) und für die Youtuber das Nonplusultra an Entertainment sind, gilt vor allem eines: Status online. Langeweile wird weggechattet und Youtube läuft bis zum Einschlafen. Langeweile darf es nicht geben. Gegen diese Zumutung kann man ja jederzeit ein Gerät zücken. Und wenn diese jungen Dauerbeschäftigten die Möglichkeit haben, ihre Vlog-Helden auf irgendwelchen Tech- oder Gaming-Messen zu treffen, ist klar: Das sind die Popstars von heute. Und sie sind immer verfügbar, immer online. Niemand muss mehr alleine sein. Niemand muss sich langweilen. Eigentlich.

Schau hin, was deine Kinder machen!

Das klingt jetzt ziemlich düster und bedrohlich? Nur zum Teil. Längst nicht alles, was digitales Leben ist, ist negativ. Und ein Zurück gibt es sowieso nicht mehr. Es heißt jetzt, die Kinder auszurüsten mit der sogenannten Medienkompetenz, bei der sie ihre Eltern leider immer schon überflügelt haben. Aber es gibt viele gute Ideen, die Kinder fit zu machen für die Welt da draußen, also im Internet, und die Möglichkeit, diese Welt aktiv mitzugestalten, statt sie nur zu konsumieren.

Zum Beispiel in der Haba-Werkstatt, die vor allem von Schulen genutzt wird. Hier lernen Kinder spielerisch den Umgang mit den neuen Technologien. Sie lernen programmieren, bauen Roboter, entwickeln Animationsfilme und vieles mehr. Eltern können sich dort auch ein digitales Update von Medienpädagogen, Lehrern und Informatikern holen.

Aber manchmal muss man es wohl auch aushalten, wenn die lieben Kleinen beim Fortnite-Spielen (dem derzeit erfolgreichsten Videospiel, das unter anderem auf die richtigen Moves setzt, zum Beispiel den berühmten Zahnseidentanz…), das Essen – außer Chips und Cola – und Schlafen vergessen (Hausaufgaben sowieso). Problematisch wird es nur, wenn das spielende Kind eigentlich nur noch ein „weggeparktes Kind “ ist. Das hieße aus Überforderung oder Bequemlichkeit wegzuschauen, wenn das Kind hinter dem Monitor verschwindet oder fast ins Display kriecht. Ein derart unreglementiertes Spielverhalten kann eine Internetsucht schon bei sehr jungen Kindern auslösen.

Mit dem Controller, die Welt in der Hand. Dauerbeschäftigung – hauptsächlich für Jungs.

Hier ist es wichtig, im Gespräch zu bleiben, Grenzen zu ziehen und immer wieder hinzuschauen, was da eigentlich für Spiele gespielt und Seiten aufgerufen werden, wer sich mit wem in den sozialen Medien befreundet. Zumindest bis zum 14. Lebensjahr ihrer Kinder sind Eltern verpflichtet, die Kommunikationskanäle des Nachwuchses zu kontrollieren und im Zweifelsfall diese auch zu beschränken. Mehr Infos dazu gibt es unter SCHAU HIN.

Wichtig bleibt auch: Das Spielen im realen Matsch, das Abenteuer, bei dem man sich ein blutiges Knie holen kann und die Erfahrung von Langeweile, wenn einem einfach alle Alternativen für die Freizeitgestaltung voll und kannste vergessen und echt nicht passen. Dann heißt es eben auch mal: Pech gehabt. Computerverbot. Ein Spieler, der nicht abhängig ist, kann damit umgehen. Alle anderen packt die Wut und im extremen Fall zerstören sie das, was ihnen das Heiligste ist: ihren PC. Auweia! Gut, dass Rosina noch so klein ist und ich hier nur wiedergebe, was ich von meinen Schülern mitbekommen habe… Gerne könnt ihr uns schreiben, wenn ihr bereits Erfahrungen mit Computerregeln für Halbwüchsige gemacht habt.

Reimen statt weinen

Bevor es ins Internet geht, sind Kinder aber meistens noch ähnlich handelbar wie zu allen Zeiten. Sie winden und drehen sich auf dem Wickeltisch, krakeelen und schimpfen, lächeln und schmatzen, quietschen und patschen. Womit wir beim Reim wären. Der macht sich nämlich gut beim Wickeln, fördert die Eltern-Kind-Bindung und die motorischen Fähigkeiten des Säuglings. Immer noch sehr populär, da kann man wahrscheinlich jede Hebamme fragen, ist der Baby-Hit von der kleinen Schnecke. Da wird zur Melodie vom Bruder Jakob, der Babykörper mit den Mama- oder Papafingern abgekrabbelt und am Ende, natürlich, der Bauch gekitzelt.

Wickellied (Melodie von Bruder Jakob)

Kleine Schnecke, kleine Schnecke krabbelt rauf, krabbelt rauf,
(Eltern-Finger imitieren die Schnecke und krabbeln den Körper
des Kindes von Fuß bis Kopf hoch)

Krabbelt wieder runter, krabbelt wieder runter,
(jetzt krabbeln die Finger wieder herunter)

Kitzelt Dich am Bauch, kitzelt Dich am Bauch.
(große Kitzelei!)

Zeit zu spielen: auf dem Wickeltisch.

Zehenspiel

Das ist der große Zeh,
der braucht viel Platz – juche!

Das ist der zweite,
der steht ihm zur Seite.

Das ist der dritte,
der steht in der Mitte.

Wer ist denn dieser hier?
Das ist die Nummer vier!

Und das ist der Kleine –
keiner ist alleine.
(die Zehen nacheinander anfassen)

Ich spiele, also bin ich

Natürlich kann man sich selber eine Geschichte, gereimt, getrötet, gepfiffen, ausdenken. Weil man sich mit Kindern ja auch hin und wieder langweilt (das ist kein schlechtes Zeichen aus meiner Sicht), kann es ja passieren, dass man in einer solchen Langweilephase auf einmal die Eingebung für einen Kitzelvers hat oder ein Singspiel aus lustigen Lallwörtern. Der Kreativität sind in Sachen Baby-Bespaßung keine Grenzen gesetzt. Es sei denn, das Baby fängt an zu weinen. Dann sollte man seine Spielideen vielleicht noch einmal überdenken. 😉 Zu starke Grimassen und wilde Hüpfaktionen gehören eher zu Fasching und Halloween.

Das ein Kind die Welt im Spiel entdeckt und dass das Spielen die Arbeit des Kindes ist, das ist nicht meine Idee, sondern die von Maria Montessori gewesen. Der Mensch spielt, um zu verstehen. In dem Pikler-Kurs, den Meike jetzt für mich und Rosina gebucht hat, werde ich das genau beobachten können, sagt sie. Da spielen die Kinder und die Eltern sitzen um sie herum. Sie beobachten und greifen ein, wenn das Kind ihre Hilfe oder Nähe braucht. Dazu bekommen die Kinder noch spezielles Montessori-Spielmaterial, an dem sie sich dann austoben können. Der Pikler-Kurs ist aber erst im nächsten Jahr. Meike wollte nur auf jeden Fall einen Platz haben. Allerdings nicht selber hingehen. Warum eigentlich, Meike?

Statt Brett vorm Kopf

Besser Brett auf den Tisch. Das macht mehr Sinn. Das gute alte Brettspiel von Backgammon über Schach bis Mensch, ärgere dich nicht, gehört (und das eigentlich überall auf der Welt) zum Leben dazu. Der Mensch muss einfach spielen. Nicht nur als Kind. Nach dem Modell des Homo ludens,  lateinisch für „der spielende Mensch“. entwickeln wir unsere Fähigkeiten vor allem über das Spiel. Spielen wird dabei mit Handlungsfreiheit gleichgesetzt. Es setzt eigenes Denken voraus. Mit dem „spielenden Menschen“ ist gemeint: „Der Mensch braucht das Spiel als elementare Form der Sinn-Findung.“ Na dann, nichts wie in die Spielo-, äh, Ludothek. Das ist dann doch ein Unterschied. 😉

Ludotheken wurden gegründet, um Menschen – auch mit geringem Einkommen – eine Teilhabe an der Welt der Spiele zu ermöglichen, der Gesellschaftsspiele. Denn das bedeutet Gemeinschaft und Dazugehören. Aber nicht nur Menschen, die bedürftig sind, suchen Ludotheken auf, sondern auch alle anderen, die Lust auf Gesellschaftsspiele in Gesellschaft haben, gerne auch in neuer Konstellation und mit neuen Spielen. Denn Ludotheken sind gemütliche Cafés mit einer gut sortierten Auswahl an bekannten und weniger bekannten Spielen, oft in doppelter und dreifacher Ausführung, damit auch jede Spielergruppe alles spielen kann und das aktuelle Lieblingsspiel nicht gerade vergriffen ist. Die Spiele, die sich oft in langen Regalen bis unter die Decke stapeln, sind eine Mischung aus jahrzehntealten Klassikern und den aktuellen Hits der Spielemessen. Wer will, kann sich auch ein Spiel ausleihen und zuhause sein Spielfeld aufbauen.

Noch eine andere Idee wäre es, Brettspiele selber zu bauen. Einfache Brettspiele kriegt auch ein doppelter Linkshänder mit links fertig gebastelt und kann dabei dem immergleichen Brettspiel einen individuellen Glanz verleihen. Gerade kleinere Kinder haben viel Spaß daran, ihr „eigenes Spiel“ zu kreieren, auszuschneiden und zu bemalen. Mit ein bisschen Unterstützung von Papa heißt es dann bald: Passt, wackelt und hat … Spiel! Yippieh. Hier ein paar Anleitungen für spielfreudige Bastler, bei denen nichts schief gehen kann. Nur verlieren könntet ihr hinterher. Mit Absicht oder weil ihr einfach Pech habt und keinen „verzauberten Würfel“, wie Frido immer sagt. Frido, das ist mein spielfreudiges und von Würfel-Sechsen verwöhntes sechsjähriges Patenkind. Ich habe bereits von ihm berichtet und seiner Liebe zu Witzen, die jede Pechsträhne vergessen machen…

Logo mag ich Lego!

Wenn aus Spielzeug neue Spielsachen oder Dinge entstehen, mit denen man gar nicht gerechnet hat, ist das eigentlich das Schönste, was passieren kann. Manches Spielzeug bietet sich dafür mehr an, manches weniger. Lego steht seit jeher für eigene Ideen und Kreativität, die keine Grenzen kennt – nur den letzten Legostein. Nachschub gibt es aber immer und auch noch ganz andere Möglichkeiten, die bunten Stecker zu nutzen. Sie lassen sich beschriften oder zu Bilderrahmen umwandeln, zu einem Fotopuzzle oder einer Mini-Zwille oder oder. Im Video unten

bekommt ihr ein paar Ideen, die sich Mütter ausgedacht haben. Wir würden gern genauso kreativ sein. Nicht um Müttern Konkurrenz zu machen, sondern um zu sehen, in was sich Legosteine verwandeln, wenn Väter sie in die Hand nehmen… Wer Lust hat, poste bitte seine Papa-Lego-Idee. Wir bauen sie dann auch nach und werden uns bei Gelegenheit, spätestens mit dem Kauf der ersten Legosteine, ebenfalls bemühen, einen kreativen Eindruck zu machen.

Meine Empfehlung: Wir sollten uns häufiger einfach mal gepflegt langweilen. Dann kommen wir auf die besten Ideen.

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Hehe! Mein Name ist Tim, 32, Bio- und Chemielehrer mit Freude und außerdem seit 6 Jahren hocherfreut über meine Partnerin Meike, die ...

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1 Kommentar zu “Wie schwer ist Langeweile?”

  1. Heidi und Heiko sagt:

    Super Beitrag! Sehr informativ, humorvoll und professionell geschrieben und gesprochen! Danke!

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